Polemische Poetik

17. Juni 2001 | Von User ImageHerbert Braun | Kategorie: poetik

Poetik? Das klingt nach Theorie und Lyrik, damit habe ich nicht viel zu tun. Die Theorie ist ein Afterphänomen der literarischen, der künstlerischen Praxis; wer das Gegenteil behauptet, ist ein habilitierter Sonntagsreimer oder ein Lügner. Wo liegt also der Sinn der Übung? Nach 15 Jahren Schreibpraxis voller Widersprüche und Widerrufe mag der Zeitpunkt für eine Standortbestimmung sein. Außerdem ist die Nabelschau eine narzißtische Exerzitie, und jeder, der für andere schreibt, ist eitel, nicht wahr?
Mehr wird darüber zu sagen sein, was ich nicht will. Das ist einfacher und macht mehr Spaß. Falls sich jemand beleidigt fühlen will: ja, es ist persönlich gemeint. Wer nicht selbst angegriffen ist, wenn seine Texte unter Beschuß liegen, sollte mit dem Schreiben aufhören. Vieles von dem Kritisierten habe ich selbst durchlebt, geglaubt, versucht; hinter mich gebracht.

I Besser häßlich als tot

Die nekrophile Verfeinerungsästhetik der Fin-de-siècle-, Fin-de-millennium-Poeten kotzt mich an. Wer sich vom Ende her definiert, sollte nicht anfangen. Was mich interessiert, ist das Leben, nicht der Tod. Ich will nicht betäuben, ich will nicht betäubt werden. Nie wieder will ich Luxusgedichte hören über Prenzlauer Bergs neu ausgeleuchtete Hinterhöfe, über Fernsehseriencharaktere im Zwielicht der Lavalampen. Lieber als Lyrikbände lese ich Obdachlosenzeitungen. Keine plumpe Solidarisierung, Interesse an Geschichten. Der alte Vergleich mit den Pflanzen stimmt. Es wird nicht gemacht, es wächst. Aber wie soll etwas ohne Wurzeln wachsen? Das versteht doch jedes Kind. Lustvolle Selbstbefriedigung ist legitim, aber man darf sie nicht mit einem schöpferischen Akt verwechseln. Wo es nur noch Inszenierung gibt, ist die Kunst tot. Wir arbeiten daran.

Worte sind ein Hilfsmittel, mehr nicht. Die Botschaft ist eigentlich nicht geeignet dafür. Wie wenn man eine Zeichnung macht auf einem Blatt Papier. Wer die Worte wegen der Worte aufschreibt, bleibt flach. Wer damit zufrieden ist.

II Die Sprache lügt

Immer schon hat die Sprache gelogen, und sie tut es mehr und mehr. Reden ist bestenfalls der Versuch, Mißverständnisse zu minimieren, Schreiben oft genug das Gegenteil. Was sich reimt, stimmt, sagt das Gedicht. Die Wahrheit paßt nicht ins Metrum. Die Wahrheit steht zwischen den Zeilen: die angerauhte, weiße Körnung des Papiers. Die Dinge lügen auch, aber es ist nicht ihre Schuld. Unsere Köpfe sind auf das hastige Klappern der Worte dressiert; die Dinge müssen belagert werden.

III Für jedes schwierige Problem gibt es eine einfache Lösung

Die immer wiedergekäuten Fragen, die in ihrer sogenannten Gebrochenheit so geradlinigen Charaktere, die üblichen Probleme … und vor allem die bohèmehafte Katerstimmung in den Versen ersticken jedes Interesse. Die hormonell bedingte, juvenile Weltschmerzliteratur, die seit 200 Jahren die Geistesgeschichte verpestet, muß jeder durchmachen. Auch Schreibende waren einmal 17, aber sie sollten es nicht bleiben. Für jedes schwierige Problem gibt es eine einfache Lösung, und sie ist falsch. Die vitale Komplexität, die natürlichen Widersprüche sind so viel interessanter als die zweidimensionalen, rhythmisierten Diagramme der Weltentwerfer und Rätsellöser. Eine sehr einfache Lösung, nicht wahr? Siehe oben.

Ach ja, die Ironie. Schülerzeitungen sind voll davon. Nur in Verbindung mit Leidenschaft genießbar.

IV Das Ungleichgewicht halten

Ich widerspreche mir, weil ich lebendig bin. Die Balance, die metaphysisch verzuckerte Planierung des Gegensätzlichen, ist eine totalitäre Fiktion. Schöpferisch zu sein bedeutet, auf dem Drahtseil zu spazieren, ohne ins Gleichgewicht zu fallen. Der Text muß weh tun, seine Kletterhaken dürfen nicht wegdialektisiert werden. Nichts darf übrig bleiben, das zu erklären ist; nichts, das in einfache Sätze paßt. Wozu sonst der Aufwand? Der Text soll wirken wie der Druck einer Klaviertaste. Nicht auf den Hörer, auf das Klavier.

V Die alleinseligmachende Dreifaltigkeit

Die Fähigkeit zu fühlen, die Fähigkeit zu formen und die Fähigkeit zu denken. Die einfältigen Texte werden in der Regel nicht mit Literatur verwechselt, bleiben die fortgeschrittenen Defizite. Das mit dem Denken wollen wir gleich zurückstellen; es ist die entbehrlichste Begabung. Ohne gestaltendes Talent kommt ein philosophisches Tagebuch, kein Kunstwerk heraus, Kunst kommt ja von Können, nicht wahr. Aber Können kann man lernen, und wer etwas zu sagen hat, wird seine Form finden. Aber läßt man das Gefühlte, Erlebte, Erfahrene weg, reift uns der Pickel am Arsch der Literaturgeschichte entgegen, für den sie oder er gerne den Begriff „Postmoderne“ verwendet. Da sich postmoderne Texte nicht aus dem seelischen Humus des Dichters speisen, sondern aus dem Granulat seines literarischen Wissens, reduziert sich ihre Aussage auf a) nachts sind alle Katzen grau; b) alles stimmt, aber auch das Gegenteil; c) alles ist schon gesagt worden, auch dies; d) ich will spielen, mir ist langweilig. Jede Zeit hat die Kunst, die sie verdient. Der triste Konterpart zu den Seifenoperndarstellern und Singmiezen, die in jedem Interview stolz betonen, daß sie nie gelernt haben, womit sie reich werden.

VI Was ist, was war

Auf toten Organismen wächst neues Leben, tote Kulturen aber werden gesalbt, mumifiziert und in ihrem Wohlgeruch ausgestellt. Wäre ich Optimist, würde ich sagen, daß dieses Land, diese Kultur und diese Sprache bewußtlos ist. Ich staune über jeden Ausländer, der Deutsch lernt; aber es wird ja auch noch Latein gelehrt. Wie für dieses wird es vielleicht auch für das Deutsche einige Nischen geben. Philosophie, Militär, Verwaltungsverordnungen etwa. Es ist demoralisierend, wie weit wir hinter die Avantgarde von vorgestern zurückgefallen sind. Nicht einmal mit den fünfziger Jahren können wir mithalten, die zwanziger verstehen wir gar nicht erst. Das ästhetische Experiment hat sich vom Inhalt abgekoppelt.

Habe ich mich klar ausgedrückt?

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2 Kommentare
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  1. “Habe ich mich klar ausgedrückt?” – So fragt Herbert Braun, seinen Beitrag zur Debatte abschließend. Natürlich nicht, muss man auf die unscharf umrissenen poetologischen Ab- und Um- und Verrissversuche des Autoren der „polemischen Poetik“ antworten. Was auch daran liegt, dass hier ein wenig der Bock gärtnert. Das erste Indiz für seine nur partielle Kompetenz auf dem Gebiet der Lyrik gibt der Autor Braun gleich in den ersten Zeilen seines tuberkulosen Sermonsammeltextes zur Kenntnis. Mit Lyrik habe er nicht viel zu tun, lieber lese er Obdachlosenzeitungen. Man erkennt sofort, dass es sich nicht um eine sinnfeine Polemik handeln soll, sonderm um den faustforsch geworfenen Fehdehandschuh eines Gelangweilten, der mal schnell irritieren will. Nicht weniger, nicht mehr. „Interesse an Geschichten“ mache seinen Moral- und Erlebnishaushalt aus. Das ist legitim und okay. Aus seiner Standortbestimmung, die er nach „15 Jahren Schreibpraxis voller Widersprüche und Widerrufe (sic!)“ aus und für sich leisten will, quillt aber sogleich eine Fremdbeschimpfung, die diffus bleibt, weil sie diffus ist. „Die“ “Nekrophile Verfeinerungsästhetik der Fin-de-siecle-” Autoren kotze ihn an, schreibt er. Das ist eine Basis, fürwahr, aber anstatt von ihr auszugehen, fernzuforschen, trampelt Braun auf ihr herum. Kein differenzierendes Wort zu den von ihm wahrgenommen geglaubten Nekropoeten.
    Braun kurz-satzt sich weiter von Salm zu Salm, und stößt so Wortdinge wie Leben und Tod ins Gefecht. “Nie wieder will ich Luxusgedichte hören über Prenzlauer Bergs neu ausgeleuchtete Hinterhöfe, über Fernsehseriencharaktere im Zwielicht der Lavalampen.” Genau, möchte man mit mehreren Ausrufungszeichen hinter diesen rebellischen Satz rufen. Das ist doch was, und es ist nicht nur Poesie, sondern es ist lyrisch (was ja mancher mit „feinselig“ übersetzt). Aber dann stulpt Brauns energischer Impuls ins eigene Zwielicht sich zurück, weil die Erkenntnis unausgeleuchtet bleibt, sich nicht in Belegen fortsetzt. Es ist ein Missverständnis, dass Polemiken grob und pauschal sein dürfen (müssen). Brauns Text folgt dem Missverständnis und wird so zu einem Hüpfparcours der Ungewissheiten. Man muss schon sehr viel Eigenes in die Lücken stecken, um dem Springinsfeld recht folgen zu können. Ein „Wollen“ kann die Bemühung dabei nicht sein. Wenn dann auch noch so Platzblasen wie „Was sich reimt, stimmt, sagt das Gedicht“ im Metaablehnungsmetatext stehen. Der Aphorismus von der Wahrheit des Reims stammt eher aus dem Volksmund als aus dem Gedicht. Aber sowenig Braun ja vom Gedicht zu wissen scheint, so wenig kriegt er, Entschuldigung, den Volksmund zu. „Worte sind ein Hilfsmittel, mehr nicht. Die Botschaft ist eigentlich nicht geeignet dafür.“ Aha. Mehr? Gut: „Wer die Worte wegen der Worte aufschreibt, bleibt flach.“ Willkommen in der Jahrmarktphilosophie. Der hier im Open-Air des Internets predigt, untschlägt die Untertöne bis aufs durchschnittlich verständliche Obendrauf, das man dann vollmundig nickend abgrasen darf.
    „Immer schon hat die Sprache gelogen“, mampft der Text unter einer Bildzeitungsüberschrift („Die Sprache lügt“) und schluckt kaltgepresste Wittgensteins und Mauthners herunter in seinen Generalhassmagen, der Hirn spielt. Sagt, dass die Wahrheit nicht ins Metrum passe; sagt nicht, dass das Metrum nun überhaupt kein Wesensmerkmal von Lyrik, von Literatur ist. Aber man weiss ja schon längst, dass es Braun nur um das Ausbreiten eines Defätismus‘ geht (Das Papier sei die Essenz „zwischen den Zeilen“). Wenngleich es ja schön ist zu wissen, die Literatur sei eine „Weltschmerzliteratur“, eine dazu “hormonell bedingte, juvenile”. Und das seit 200 Jahren (natürlich erst!). Andererseits, das passt in diese Bingohalle des Denkens noch mit herein, geht es aber auch um „lustvolle Selbstbefriedigung”, literarische. Da ist das Schmerzvolle wieder ein bisschen draußen, dafür dann die lustvolle Fremdbefriedigung ein bisschen mit drin. Brauns Tobak ist nicht ohne Fertigkeit, aber unter der Oberfläche schnappen die Thesen schon nach Luft. „Der Text muss weh tun,“ heißt es richtig. Die These sollte es nicht. Wie die davon, dass Theorie (Poetik) nur ein „Afterphänomen“ ist. Ist sie aber tatsächlich nur das? Gibt es nicht auch ein Zugleichschreiben der Überlegung, wenn man ein Gedicht verfasst? Eine, sagen wir einmal salopp, Schreib-art, die kurz nach der Les-art beginnt? Eine Poetik ist keine Legislative, sicher. Sie entsteht als Sekundärkörper, wie gesagt. Aber sie schwingt eben immer auch mit, als Einbettung für das wie auch immer zu Vertextende.

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  2. Lieber Herbert, du ausdrücker überhaupt. dein text hat mich echt festgehalten ey. ich wunder mich das ich noch nie was von dir gehört habe, da ich dich doch so gut verstehe. das leben ist nicht leicht, und irgendwie doch wieder leicht; die Katze aus dem sack gelassen, bin ich froh das ich nicht alleine auf der welt bin mit den ansichten eines clowns. schönheit wiederfährt denen die es geschehen lassen und dummheit straft die, die es nicht verdient, aber auf der konsumkamotte tragen, so knapp unter der gürtellinie, in einem solch geschickten ausmaße das bla. Speziell die Nabelschauansichten von dir gehen mir so zu sagen unter de haut und bewirken eine leichte freude, auch wenn du alles andere als freude ausgedrückt hast. fazit: ich liebe ein bis jetzt mir unbekanntes weltschriftstück. allerliebst tim wierschin

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