EIN PAAR KURZE BEHAUPTUNGEN DARÜBER WIE EIN GEDICHT SEIN SOLLTE
1 Lyrik ist natürlich zusammengesetzt, sowohl was die Herstellung als auch was die Rezeption angeht. Und wenn man versucht, poetologische Aussagen zum Gedicht zu machen, d.h. wenn man eine Art Theorie des guten Gedichts aufstellen will (darum geht es letztlich), hat man es sofort mit einer vor allem sozialen Gemengelage zu tun, in der man selbst agiert, was ja seinen Reiz hat. Diese kann Gegenstand z.B. soziologischer Beschreibung sein.
2 Das Gedicht eignet sich nun sicher nicht zur irgendwie systematischen Informationserhebung. Es greift auf Informationen zurück, forscht aber nicht: die analytischen Werkzeuge des Gedichts sind begrenzt. Auch die sprichwörtliche brennglasartige Zuspitzung bestimmter Sachverhalte im Gedicht ist keine Untersuchung, keine Diskussion, sondern eventuell witzig, banal und (vielleicht) weise, also aphoristisch. Was die Informationsübertragung angeht, gibt es sicher Varianten, gibt es ein ziemlich ausgreifendes Feld zwischen Projektion und Konstruktion; wobei die Extreme als solche wohl eher langweilen. Die Möglichkeit des Gedichts besteht also schlicht darin, mit der Aufmerksamkeit der Leserschaft (sofern vorhanden) für einen Moment hauszuhalten; es bleibt dabei immer Vorwort.
3 Ästhetische Aussagen gehen auf Befindlichkeiten zurück; deswegen ist alles am Gedicht Ästhetik. Das gilt fraglos für die Kriterien vermeintlich poetischer Gegenstände, für lyrisches Jargon und dergleichen. Es gilt aber eben auch für die Inhalte selbst; diese sind ebenfalls durch und durch Ästhetik; Sozialreportage im Gedicht ist Ästhetik, die sog. letzten Fragen sind Ästhetik. Und selbst noch die Absicht des Textes, sofern ersichtlich, ist gewissermaßen ein Stilmittel. Der Aufruf zu Revolution ist im Gedicht ein unter Umständen sehr klug gewähltes Motiv, kann etwas sehr Schönes sein.
4 Das Gedicht ist also Genußmittel. Und gerade weil es als Form so überfrachtet, ja fast monströs, jedenfalls aber eigentlich ungenießbar ist, wird die Lust zu genießen und (mit sehr großer Geste gesagt) im Absurden eine extreme Kennerschaft und Kultur auszubrüten, noch verstärkt. Dabei ist Lyrik nicht elitär, sondern einfach völlig partikular, wie eine abseitige Sportart, die allenfalls bei eurosport in den frühen Morgenstunden überhaupt gezeigt wird.
5 Klar und trotzdem bezeichnend, dass das Gedicht gleichzeitg produziert und dokumentarisch ist. Das Dokumentarische kann ja durch keine Reflektiertheit aufgehoben werden. D.h. das Gedicht hat eine völlig kunstlose Dimension. Kunst ist die Innenperspektive; das einfache Vorhandensein, das Materialsein ist eine Aussenperspektive. Lyrik kann als Lyrik gelesen werden, indem man sich nach innen begibt und das Kunstwollen nicht hintergeht; und ebenso als Dokument dieser Innenperspektive.
Ein schöner Gedanke: dass die kulturelle Anstrengung mit der Zeit irgendwie nach innen verschwindet und das Gedicht sich neben Bedienungsanleitungen für Haushaltsgeräte und Kriegsreportagen als Texthorizont gemeinsamen Datums aufschichtet.
April 14th, 2001 at 11:46
Hallo Daniel, ich teile mit Dir das Vergnügen, den seiner ursprünglichen Zwecke (ein bestimmtes Kunstwollen) entkleideten Gedichtkörper in einer ungewohnten Perspektive zu bewundern. Leider löst Du den Reiz der Unterscheidung zwischen der Innenperspektive als der Dimension der Kunst(?) im Gegensatz zur Dimension des Äußerlichen, der Materialität des Gedichtes, im Beliebigen auf : Folge ich Dir, so ist jede ästhetische Betrachtung eine Frage der Befindlichkeit, jede Befindlichkeit kategorisiert damit aber auch ein ästhetisches Urteil. So wie auch Dir letztlich der Gedanken daran „schön“ schien, wird kein Gedicht die Befreiung aus dem Koordinatensystem einer ästhetischen Empfindung bzw. der sie bestimmenden sozialen Gemengelage erfahren, höchstens einen Wechsel der Betrachtungsweise. Innen und Außen hat damit eine fließende oder gar keine Grenze: Das „Hintergehen des Kunstwollens“ ist Mittel einer anderen ästhetischen Gestimmtheit. Du kannst nach dem neuen Zweck und/oder den anderen Mitteln fragen. Du kannst Dich aber als Betrachter nicht außerhalb des Systems stellen, das zugleich Voraussetzung Deiner Anschauung ist. Im übrigen hoffe ich, daß nicht nur Lyriker „den Kopf über Futter und Kopulationshöhe“ in den aufrechten Gang heben. Clemens
April 14th, 2001 at 11:55
Ich möchte eine kurze Antwort schreiben, die nicht direkt auf die poetologisch-soziologische Skizze von Daniel Falb eingeht. Denn wenn man sich in die Tiefe dieses für unser technologisches Zeitalter recht siginfikanten Denkansatzes begibt, dann verstrickt man sich wohl zu schnell in Diskussionen, die selbst durch solche Denker wie Wittgenstein, Habermas etc wohl nicht gelöst wurden. Da werde ich mich nicht auch versuchen. Aber zumindest sei auf die Fragwürdigkeit solcher Begriffe wie “innen” und “außen” hingewiesen. Falb versucht der Lyrik durch die Beschreibung, sie trage lediglich “inneren” Erlebnischaracter, den Character oder Beigeschmack von privaten Lustspielchen in abgegrenzten Gehegen zu geben. Eine fatale und falsche Auffassung. Ein Beispiel soll genügen. Es geht mir um Atmosphären. Niemals liesse sich eine Atmosphäre auch nur irgendwie angemessen durch soziologische oder andere wissenschaftliche Diktionen beschreiben. Und doch wird niemand behaupten, daß eine Atmosphäre etwas rein innerliches sei. Die Atmosphäre, die bestimmte Räume etc ausstrahlen, haben immer einen von den privaten oder geschichtlichen Assoziationen relativ freien Grundtton, etwas, was in allen Beschreibungen wie auch immer variiert wiederkehren müßte (aber aufgrund der Beschaffenheit der Sprache nicht kann). Atmosphären sind, im Gegensatz zur Stimmung, dem Äußeren, dem Raum verpflichtet. Oder anders gesprochen, eine abstahierende wissenschaftliche Beschreibung nimmt dem Raum alles, was ihn über das Funktionelle hinaus, ausmacht (und kann trotzdem nie “objektiv” sein; jetzt muß ich doch auf Wittgensteins “Philosophische Untersuchen” verweisen), das heißt sie kastriert ihn, bändigt das, was an ihm bedeutungsmäßig wuchert und nebulös ist, das Leben. Falbs Auffassungen entspringen einer wissenschaftlich betäubten Sehnsucht nach dem Festhalten, Nachprüfen und in Regeln setzen. Den Dingen muß alles Leben entweichen. Dieses muß ruhiggestellt werden, damit man es zu greifen kriegt. Doch darf man es sich nicht zu leicht machen. Daß es Gesetze und Statistik gibt und daß sie funktionieren, ist nicht zu verleugnen. Die Frage ist aber, WAS sie wirklich erklären oder ob DIESE nicht auf Vorgänge anwendbare, aber innere Verkrampfungen auslösende Beschreibungen sind, die nur Plattitüden erklären. Andererseits sind es natürlich diese Plattitüden, die unser Leben reglementieren und den Alltag ausmachen. Ihre Anwesenheit zu verleugnen ist Esoterik. Ihre Gesetze aber objektiv zu setzen ist und ihre reale Stärke mit Wichtigkeit zu vertauschen kommt fast einem Darwinismus gleich und muß von jedem Lyriker bekämpft werden. Denn Lyriker kriechen nicht auf allen vieren, sondern heben den Kopf über Futter- und Kopulationshöhe im aufrechten Gang.