Zum Tod der Lyrikerin Inger Christensen
Zum Tod der Lyrikerin Inger ChristensenIn ihrem Nachruf auf die Schmetterlingsfrau Inger Christensen schreibt Ina Hartwig”Die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin hat Mathematik, Chemie und Medizin studiert, und sie erfuhr dabei offenbar starken Impuls für ihre Dichtung. Es heißt, die Transformationsgrammatik Noam Chomskys habe ihre Sprachkonzeption – einer genetisch bedingten, universellen Hervorbringung – geprägt. Die Natur jedenfalls verstand sie als poetische Kraft, gleichberechtigt neben dem “Alphabet”, das sie umformte und das man durchaus als Chiffre ihres Dichtens verstehen darf.Ihr Verhältnis zur Welt ist nicht politisch “engagiert”, nicht “hinweisend”, sondern verträumt, rätselhaft, sphärisch – und nicht zu vergessen: witzig. Inger Christensens federleichte Kosmologie wirkt so naturwissenschaftlich wie beseelt, so fiktiv wie wirklich, so somnambul wie klar: Eine phantastische, durch enorme Musikalität auffallende Sprachbegnadung trägt dieses Werk, zu dem auch zwei Romane zählen.”Beatrice von Matt ist, was Inger Christensen hervorgebracht hat, “große Sprachmusik, die rational seriell und organisch zugleich erklingt”.”Inger Christensen, die Magierin des Rhythmus, ist zeit ihres Lebens leider nicht mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden. In Stockholm hat man hier, in übergrosser Ferne zum Nahe-Liegenden, eine grosse Chance verpasst. Wer ihn gehört hat, vergisst ihn nicht, den berückenden Christensen-Klang, der dank dem Übersetzer Hanns Grössel vom Dänischen ins Deutsche herüberhallt. Eine fliessende Intonation macht die Sprachräume weit. Und doch sind diese Räume genau strukturiert. Die Dichterin beugt sich ganz verschiedenen metrischen Systemen, um sie erfinderisch zu variieren. Es ist ihr nicht einfach ums Sprachspiel zu tun. Die rhythmische Arbeit soll verborgene Aussagen zeitigen, über das All, die Erde und ihre Geschöpfe.”Harald Hartung schreibt in seinem Nachruf auf Christensen” Wer „Das Schmetterlingstal“ noch einmal in die Hand nimmt oder die Aufnahme auf der gleichnamigen CD hört, versteht nun auch den Untertitel anders: „Ein Requiem“. Der Sonettenkranz ist ein vorweggenommenes Requiem auf die Dichterin selbst. „Es ist der Tod, der sich mit eigenen Augen / sich selber in mir sehen will“, heißt es einmal. Und wirklich ist „Schmetterlingstal“, das auf Dänisch 1991 erschien, die letzte ihrer großen Dichtungen geblieben, ein Abschied, dessen Tragweite wir erst jetzt begreifen.”