Zu einigen Stellungnahmen zu Ron Winklers kritischer Betrachtung der Kritik an der Lyrik von jetzt

15. April 2009 | Von der metroprolet | Kategorie: Allgemein, K & K, aktuell

Sich am Begriff der »jungen Lyrik« festzubeißen, wie es einige Kritiker in ihrer neuen „kritischen Wahrnehmung“ des zeitgenössischen Lyrikbetriebes tun, scheint doch recht – wie Ron Winkler es in seiner Kritik an derselben treffend charakterisiert, ein “Sturm im Wasserglas” zu sein.
Seltsam genug, das einige eben jener Kritiker nicht unmassgeblich am Raumgewinn dieses Begriffes, respektive der dazu zu nennenden Lyrikerinnen und Lyriker in der Vergangenheit beteiligt waren. Woher also nun dieses plötzliche Unbehagen an einer Begrifflichkeit, die nicht zuletzt aus der Not einer eben nicht genauer zu fassenden Gemeinsamkeit verschiedenster Lyriker entstand, die scheinbar alle gleichzeitig reüssieren? Die Zeiten gesellschaftlich gemeinsamen Wollens sind lange vorbei und damit auch die der Illusion von Gruppenbildungen unter falschen Namen – wie sollte man sich denn bezeichnen in der Postpostmoderne? Man wird bezeichnet!  Also ein seltsam gewähltes Label für eine Gruppe Gegenwartslyriker, das diese sich nicht ausgesucht haben und welches den Differenzen innerhalb derselben weder biografisch noch poetologisch gerecht wird.
Na und? Ist das der Punkt – ein falsches Label in einer Zeit, die von und mit falschen Labels ganz gut lebt? Also worum geht es hier eigentlich in der Diskussion? Ehrlicher ist da schon das Wort einiger Kritiker vom Aufmerksamkeitsbonus, der aber doch von jeder Lyrikergeneration zu Recht eingefordert wurde und wird. Wieder erscheint er eben jenen Kritikern heuer als ungerechtfertigterweise in Anspruch genommen und anderen wichtigeren Bereichen (welchen denn?) quasi geraubt, die noch vor kurzem eben jene Aufmerksamkeit auf diese neue, jüngere Lyrikergeneration lenkten, um ihre „Entdeckungen“ zu feiern. Da wundert es nicht, das man den Stab selbstverständlich nicht unterschiedslos über alle, die unter diese Begrifflichkeit fallen, brechen möchte, sondern vorsichtig auf die noblen Ausnahmen verweist, die solcherlei Aufmerksamkeit zu „recht“ verdienen. Da drängt sich der Eindruck langsam auf, das Lyrikkritik gerne ihr eigenes, vom primären – also dem Lyrikproduzierenden Künstler gerne mal unabhängiges Feld mit derlei Kritik bestellen möchte. Gegen den Aufmerksamkeitsbonus (holla – der Kaiser gibts – der Kaiser nimmts!) gibt es keinen Vorwurf, der Sinn macht – es sei denn, man fühlt sich selber zu wenig beachtet. Das jeder Lyriker mit Recht auf Aufmerksamkeit besteht, liegt im Wesen seiner Arbeit, sonst könnte er seine Texte wohl besser in der Schublade lassen, über deren Qualität eben erst zu verhandeln ist, wenn sie zu lesen waren.
Was die Frage wäre, die an solch eine „Vergruppung“ wirklich zu stellen ist und immer schon gestellt wurde, bleibt eigentlich nur die nach der Wirkung der eigenen Lyrik über den selbstgewählten Kreis der heute vielleicht zu mutig und voreilig postulierten Netzwerke und poetologischen (internen!) Diskussionen hinaus, kurz die nach dem Leser.
Dass Lyriker Lyriker lesen, ist dabei kein Vorwurf, sondern heutzutage oft genug nur traurige Bestandsaufnahme dessen, dass scheinbar nur Lyriker Lyriker lesen. Daher wohl auch der Eindruck der Ähnlichkeiten in Tonfall und Ausdruck bei vielen der jetzigen Lyrikerinnen. Das viele von ihnen in der Folge dann auch Ähnliches über sich ähnelnde Erfahrungen vermitteln, nein – auch daraus wird kein Vorwurf, der passt, sondern es liegt in der Natur der Sache, die meisten von ihnen leben in der gleichen Erfahrungswelt. Das Walschlächter und -Weltendtdeckerlangpoem wird man kaum in unserer Generation vorfinden. Vermissen darf man es sicher.
Bei Auflagen von 200 bis maximal 500 Bändchen bleibt die Frage nach dem Publikum und letzendlich die, für wen, und nicht warum man schreibt, die interessantere. Hier allein träfe eine fundierte Kritik – vor allem angesichts der Tatsache, dass obige Netzwerke wohl, wie auch aus leider zu inflationär gewordenen Poetologiedebatten ersichtlich, mittlerweile recht hermetischer Natur sind — also nur Netzwerke nach Innen, die vom Mangel an äußerer Wahrnehmung, also dem wirklich zu beklagenden Mangel an Lesern, allzuleicht ablenken..
Das ist eigentlich keine Frage nach Qualitäten, sondern nach der Positionierung des eigenen, zeitgenössischen Schreibens in einer Welt, die heuer nur allzuleicht eher mit Quantitäten denn mit Qualitäten bezwingbar erscheint. In diesem Sinne wäre der Lyrik von jetzt jede nur mögliche Aufmerksamkeit zu wünschen, gerade damit sie aus ihrem nicht selbstgwählten Gefängniss der gesellschaftlichen Marginalität hinausgelangt.
Der Gefahr, die Selbstwahrnehmung mit der eigentlichen Wahrnehmung der Lyrik in der Gesellschaft zu verwechseln, sind offensichtlich nicht nur Lyriker, sondern auch ihre Kritiker gleichermaßen ausgesetzt.

Dieser Artikel entstand aus einem Kommentar des metroproleten auf Ron Winklers Artikel

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