Sturm im Wasserglas von Ron Winkler
13. April 2009 | Von Ron Winkler | Kategorie: Allgemein, K & K, aktuell, poetikEine schon etwas aeltere – aber immer noch eine schoene Einlassung von Ron Winkler zur aktuellen Kritik an der aktuellen Lyriklandschaft…
Sturm im Wasserglas
In jüngster Zeit ist immer wieder behauptet worden, die zeitgenössische Lyrik junger deutschsprachiger AutorInnen geriere sich zum einen hinsichtlich ihres (natürlich von Selbstüberschätzung geprägten) Stellenwerts aufdringlich und anmaßend, zum anderen seien dort, wo es gemeinsame Auftritte gibt, kalkuliert verdrängerische Absichten am Werk. Michael Braun postulierte zuletzt einen flachsinnigen Kult um die sogenannte Junge Lyrik, und Andreas Heidtmann, Herausgeber des Magazins poet, meinte in seinem Editorial in jovialem Ton, dass die Jungen sich selbst feiern würden, dies aber okay sei, um ein Quäntchen Aufmerksamkeit im Medienbetrieb zu erlangen.
Auf Basis einer sich aus sich selbst speisenden, nun ja, Debatte, wird jungen DichterInnen ein übersteigertes Geltungs- und Publikationsbedürfnis (Matthias Kehle) unterstellt, ohne dass je genau benannt, geschweige denn ausdifferenziert wird, was denn nun genau zu verurteilen ist — außer dass möglicherweise Vernetzungsstrukturen und gemeinsame Projekte junger AutorInnen nicht absolut mehr Aufmerksamkeit schaffen, sondern an anderer Stelle Aufmerksamkeit entziehen, was, abgesehen von der Kühnheit der These, ganz klar nicht der nun(mal) so gelabelten Jungen Lyrik angelastet werden kann.
Dass ein kleiner Hallraum, wie es die Lyrik einer ist, bei drohender Gefahr weiterer Segmentalisierung zu Überkompensationen und kritischen Übersprungshandlungen führt, ist nachvollziehbar. Schwer erträglich allerdings sind pauschalisierende atavistische Ressentiments gegenüber Autoren (ob nun im Einzelnen oder in ihrer Gesamtheit), die ihre ersten Auftritte in der Öffentlichkeit haben.
In Stellung gebracht werden die subtilen Anwürfe vor allem gegen vorwiegend generationsbezogen arbeitende Literaturzeitschriften, Verlage und Anthologien.
Dabei wird überhaupt nicht erst in Betracht gezogen, dass Unternehmungen, deren Aufmerksamkeit insbesondere den Texten nachrückender AutorInnen gilt, andere als vielleicht kapriziöse Motive oder isolationistische Absichten haben — nämlich dass sie eigentlich der Lust an den Arbeiten von GenerationskollegInnen entspringen. (Ein keineswegs neues ›Modell‹.)
kookbooks, LAN-Festival, EDIT und Connewitzer Verlagsbuchhandlung, um nur einige zu nennen, sind (trotz der Fülle an Angeboten) wichtige Vorfilter, Testgelände, Plateaus für den Artenreichtum der literarischen Subspezies Poesie. Dass durch sie vielleicht auch weniger talentierte AutorInnen zu weiterer Präsenzlust angeregt werden, würde allerdings auch die Abschaffung ebendieser Angebote nicht ändern können.
Dass zum Beispiel BELLA triste in größerem Ausmaß die Trommel für die Generation der emerging poets gerührt hat, ist auch dem Umstand geschuldet, dass es bezüglich der Außenwirkung (Stichwort: Feuilleton) enorme Defizite gab und gibt.
Was auch gern ›übersehen‹ wird: Anthologien mit dem Fokus auf Texte junger Dichter, allen voran Lyrik von Jetzt, stellen im Prinzip nur sinnvollere Bündelungen dar als diejenigen Anthologien, die ihren BeiträgerInnenbestand unter einem Rubrum wie Gartenlyrik, Jahreszeitenpoesie oder Das Mondgedicht zusammenraffen.
So weit mir bekannt ist, wurde nirgends eine per-se-Huldigung der Lyrik junger AutorInnen eingefordert. Nirgendwo wurde insistiert, dass außerhalb gewisser Altersstufen Dichtung nicht mehr neu, jung, oder von jetzt sei.
Man sehe den Initiativen der jungen Leute (Gerhard Falkner) den gelegentlichen Happeningcharakter nach. Die gewählten Verpackungen sind einfach Formen des Jetzt (bzw. des ›Jetzt‹). Sie verpacken, wie Gunther Nickel sagt, nicht weniger als ein reiches Arsenal an Poesien für jetzt und später.
~ von ronwinkler am 23. März 2009.
origal gepostet auf seinem blog unter http://ronwinkler.wordpress.com/2009/03/23/sturm-im-wasserglas/


