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27. Juni 2008 | Von der metroprolet | Kategorie: aktuell

27 June 2008

generation einfallslos?

In der ersten Reihe des Vortragssaales des Musil Museums in Klagenfurt sitzen neun Stipendiaten, erstmals handselektiert von den Tutorinnen und Tutoren des Literaturkurses, den sie besuchten. Sie sitzen da und tragen, bis auf zwei Ausnahmen, Nichtfarben und bescheidene Erdtöne: schwarz, grau, beige, weiß. Sie sind in meinem Alter, aber keiner von ihnen kommt mir bekannt vor. Umso mehr dafür die Projekte, an denen sie mitarbeiten: Sprachgebunden, Bella Triste, Poetenladen, Lauter Niemand und so weiter. Namen und Autorengruppen, die andere Nachwuchstalente geradezu neidisch machen. Entsprechend blasiert die Attitüde mancher: Eine der Autorinnen hält es beispielsweise nicht für nötig, sich zu bedanken, als ich ihr einen Getränkedeckel aufhebe, der in meine Richtung rollt. Vielleicht ist sie aufgeregt. Gut ist, dass sich der Saal bis auf den letzten Platz füllt, das gibt Hoffnung.

Das Publikum ist gemischt, es ist schwer zu sagen, wer nur interessiert ist, und wer im Betrieb was zu sagen hat. Hannes Becker fängt an. Er hat wie viele hier neure deutsche Literatur studiert. Als erster zu lesen, an diesem Nachmittag, das ist hart, denke ich. Er sagt auch nicht viel, nur einmal Danke am Anfang und noch einmal Danke am Ende. Sein Text ist sprachlich solide, wie alle Texte, die an diesem Nachmittag gelesen werden. Inhaltlich gehört sein Text dank des Freunde-als-Ersatzfamilien-Themas zu den originelleren Arbeiten, obwohl er wie sieben seiner Kollegen in der ersten Person Singular schreibt. Neben dem Trend zur sexuellen Explizität (auch Beckers Text kommt sehr zu meiner Enttäuschung nicht ohne die Wörter Schwanz und Arsch aus) scheint es jenen zur Selbstreflexion zu geben, bei dem ich ja auch mitmache – von dem ich mich an dieser Stelle allerdings gerne verabschieden würde. Es scheint, wir machen uns das Schreiben doch ein wenig einfach. Selbst Daniela Dröscher, die mit ihrem Text eine der besten Arbeiten des Tages vorträgt, hat – das behaupte ich hier einfach einmal – fast nichts an ihrer Geschichte erfunden. Das an sich ist zwar nicht weiter schlimm, doch wenn sich in jedem textlichen Versuch unserer Generation stets dieselben Bilder wiederholen (Himmel, Straße/ Asphalt, Gras, Hügel, Sommer) und es sich bei jedem zweiten Prosastück um einen „Reisebericht” handelt, dann sind die Ähnlichkeiten schon auffällig. Haben wir denn keine anderen Themen? Oder, anders gefragt, ist es die Nachfrage der Leserschaft nach immer privateren Eindrücken, die uns mit Phantasielosigkeit davonkommen lässt? Denn, das ist ganz offensichtlich, bestünde kein Interesse an dieser Art der Literatur, hätten wir jüngeren Autoren mit unseren beinahe generischen Abhandlungen weitaus weniger Erfolg. Sprachgefühl und sichere Vortragsweise alleine machen schließlich keinen interessanten Text. Ist all die Präsensprosa teilweise konfusen Inhalts wirklich das, was die älteren Hasen von uns jungen Karnickeln hören wollen? Sehr gut formulierten Seelenstriptease, wie exemplarisch bei Lisa-Maria Seydlitz? Dann schon lieber erzählerisch-experimentelle Ausrutscher wie bei Elisa Ring, die mit ihren rabenschwarzen baren Füßen zwar in der Sinnlosigkeit ihrer Prosa versumpft, aber wenigstens eine eigene Stimme entwickeln konnte. Die Schwierigkeit besteht meines Erachtens darin, die Authentizität des Erlebten nur dann mit Vorstellungskraft zu bereichern, wenn sie zuletzt auf eine neue, künstliche Weise allgemein gültig werden kann. Ihr, liebes, erfahrenes Publikum, müsst uns dabei helfen, das eine vom anderen unterscheiden zu lernen.

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