Buchbesprechung: „Bitterstoffe“ von Florian Voß, Rotbuch-Verlag, Berlin, 2009, ISBN-978-3-86789-082-3

16. Oktober 2009 | Von Markus Müller, der Agrar-Aristrokrat | Kategorie: aktuell, buch & film


Bitterstoffe - Florian Voß
„Bitterstoffe“ von Florian Voß, Rotbuch-Verlag, Berlin, 2009, ISBN-978-3-86789-082-3

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Felix, der Haupt-Erzähler des Romans „Bitterstoffe“ ist Mitte Dreißig, lebt in Berlin, kellnert und schreibt Gedichte. Anlässlich des Todes seines Großvaters fährt er nach Den Haag und anlässlich des Todes einer Jugendfreundin in seine nicht benannte Heimatstadt in Süddeutschland. Dort trifft er seine Jugendliebe Julia und diverse andere alte Bekannte: Georg, der seit dem Tod der gemeinsamen Jugendfreundin wohnungslos ist, aber Freundinnen hat, die ihm ihre Autos leihen; Susanne, eine latent schizophrene Mutter von zwei Kindern und Jesse, der kifft und noch bei Oma wohnt. Zwischen Felix, Georg und Julia entspannt sich das gleiche Beziehungsdreieck, das es schon vor 15 Jahren gab. Nach seiner Rückkehr nach Berlin trifft Felix Gestalten aus der Künstler-Halbwelt: ehemalige Schauspieler, die trinken und Frauen, denen man für Drogenkonsum in Salons und für SM-Sex auf privaten Partys begegnet. Obwohl sie den besseren Sex mit Georg hat, besucht Julia später Felix in Berlin. Sie durchleben ein paar glückliche Tage, bis sie bei einer Straßenschlacht, die Julia als Touristenattraktion angucken will, getrennt werden. Felix verbringt eine Nacht im Gefängnis. Julia fährt zurück nach Hamburg. Dahin fährt später auch Felix und entdeckt endlich die Dreiecksbeziehung zwischen ihm, Georg und Julia, um am Ende des Buches nochmals seine Großmutter in Den Haag zu besuchen.

Der Debütroman des 39-jährigen, in Berlin lebenden Autors Florian Voß ist virtuos konstruiert: als sich eines nachts Felix auf dem Parkplatz einer Disco an Julia zu schaffen macht, sieht er eine blaue Plastiktüte. Julia, aus deren Sicht die gleiche Szene später nochmal erzählt wird, hört diese rascheln. Kurz zuvor hat sie festgestellt, dass die Sterne auf dem van-Gogh Bild „Das „Nachtcafe“, keine Formationen ergeben. Während Felix sich an ihr befriedigt, ohne dabei viel Spaß zu haben, stellt sie fest, dass die realen Sterne anders auf dem Van-Gogh-Bild tatsächlich Sternbilder ergeben: Orion usw. Es gibt auch Sätze, die nachdenklich stimmen:“Er schrieb Kinderbücher, ehe er ein eigenes Kind hatte“. Andere haben den Rhythmus einer Yoga-Übung:“Ich fühle meine Beine, meine Füße schwer auf dem sandigen Boden des Platzes ruhen.“ Da Felix, ein Alter-Ego des Autors, der bereits zwei Gedichtbände veröffentlicht hat, Gedichte schreibt, kann man ihm solche Lyrismen nachsehen. Sie passieren aber auch dem anderen Erzähler des Buches, der aus der Sicht von Julia erzählt: Sie liegt am Baggersee und ergeht sich in Kindheitserinnerungen an Susanne. Dazu wird wieder einmal das Bild des Wassers, das ans Ufer schwappt, „vor- und zurück, vor und zurück“, bemüht.

Abgesehen von einigen Kleinigkeiten – wie dass „nackte Brüste sich an nackte Jungs“ reiben, oder das dem Klappentext zufolge Felix eine „kleinstädtische Herkunft“ haben soll, aber in welcher Kleinstadt gibt es Straßenbahnen und Universitäten ? – bleibt am Ende bei aller Kunstfertigkeit der Konstruktion, besonders den sich abwechselnden Perspektiven von Felix und Julia, eine Frage offen: ist, was all diese treffend gezeichneten Figuren erleben, wirklich „Bitterstoff“ oder ein sanft, betörender Cocktail mit vielen künstlichen Geschmacksverstärkern ?

Jedenfalls erscheint dieser Roman zum Ausklang der ´Nullerjahre´ gerade noch rechtzeitig, um sich einer Strömung der deutschen Gegenwartsliteratur einzuschreiben, die mit dem viel zitierten Fräuleinwunder Mitte Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts ihren Anfang nahm und sich über die Tristesse Royal der Jahrtausendwende bis in die Gegenwart zieht.

Um sich dieser einzuschreiben, muss man folgendes beachten. Die Erzähltechniken des realistischen Romans müssen beherrscht und angewendet werden, dürfen aber nicht überschritten werden. Bewußtseintsstrom oder Collage-Techniken sind verboten. Die klassischen Techniken des realistischen Romans werden in „Bitterstoffe“  an den oben genannten Stellen virtuos eingesetzt, an anderen etwas hausbacken: Etwa dient das Aussteuergeschirr dazu, die Familiensaga der Großelterngeneration in Kurzform zu präsentieren. Irgendwas aus der Zeit der Groß bis Ur-Ur-Großeltern niemals der Elterngeneration darf  sowieso nie fehlen. Von der Pop-Literatur leiht man sich, damit die Biederkeit der Erzähltechniken nicht so auffällt und man ein bisschen mehr Zeitkolorit hat, die Angewohnheit reale Pop-Musik-Stücke, zu zitieren statt fiktive Bands fiktive Songs spielen zu lassen oder wirklich reale Song-Zeilen erzählerisch aufzugreifen. Im Falle von „Bitterstoffe“ laufen öfter „Joy Devision“ und „The Cure“.

Eine weitere Regel und inhaltlich eine der wenigen Konventionen, die sie sich seit dem 19. Jahrhundert gewandelt hat, ist die Darstellung von Sex. Der anscheinend ganz brauchbare Sex zwischen Georg und Julia entzieht sich in den Bitterstoffen der Darstellung, damit man bloß keine erotische Literatur oder einen Porno schreibt und damit die anderen gerade modische Genres der erweiterten Feuchtgebiebte bedient. Leute, die klassische bürgerliche Berufe haben, taugen grundsätzlich nur als Statisten, die langweilige Parties feiern, auch wenn sie vermutlich einen Großteil der Käuferschaft ausmachen: vorliegend trifft es ein paar Architekturstudenten. Hauptfiguren müssen immer von Gelegenheitsjobs leben oder gar nichts machen. Unvermeidlich sind lange Zugfahrten, als hätten die meisten Mitteleuropäer keinen Führerschein.

Unterm Strich: innerhalb der somit skizzierten Genre-Grenzen, die vielleicht einmal als deutschsprachige Dekadenzliteratur zwischen 1995 und 2010 in die Literaturgeschichte eingehen wird, ein gelungener Roman. Die Frage, ob er nicht fünf bis zehn Jahre früher fällig gewesen wäre, um nachhaltig zu wirken, Folgeauflagen und Übersetzungen zu erleben, ist so müßig wie vermutlich die  meisten der Tage von Felix, Julia und George. Für diese ist auch egal, ob sie in süddeutschen Kreisstädten, Berlin oder Hamburg leben oder auf „Schloss Paduren, wo es recht still geworden war, seitdem soviel Unglück dort eingezogen war,“ (Eduard Graf von Keyerserling, Abendliche Häuser.)  Sie würden sicher auf Schloss La Coste ´irgendwie klarkommen,´ dazu liefe vermutlich Rammstein oder die „Böhzen Onkels.“

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